Freitag, 13. April 2007

Ein Sonntag in den Bergen

Wie wir es noch am Abend mit Alessio ausgemacht haben (der faszinierenderweise nur etwa zwanzig Schritte von mir entfernt wohnt), treffen wir uns am nächsten Morgen gerüstet für einen Tag im Gestein. Alessios Mitstreiter lassen nicht lange auf sich warten. Der eine, Andrea, ist noch Student, der gerade seine „Tesi“ schreibt (zu gut Deutsch „Bachelorarbeit“); Marco mit seinen langsam ergrauenden Haaren ist schon etwas älter und arbeitet freiberuflich. Auf geht’s im Auto in Richtung Berge. Nach einer kurzen Einführung in die Geologie Umbriens – während der Alessios Englischkenntnisse von den anderen beiden mit bewundernden Kommentaren gewürdigt werden – geht es in einem Kauderwelsch auf Italienisch, Deutsch und Englisch weiter, wobei abwechselnd Alessio und ich die Übersetzung der italienischen Teile für Karl übernehmen.

Endlich verlassen wir die dicht besiedelte und von Industrie geprägte Valle Umbra und schlängeln uns langsam hinter Foligno in die Berge hinein. In der Nähe eines kleinen Ortes erspähen wir eine Einsiedelei, die sich wie ein Vogelnest an die steile Felswand klammert.

Wir haben uns schon öfters einmal über die Einstellung der Italiener zum Essen unterhalten – und heute werde ich einmal mehr darin bestärkt, dass diese eine andere ist, als bei uns. Wir wollen noch Sandwiches für die Mittagspause besorgen – bei deutschen Studenten (Ausnahmen bestätigen die Regel *g*) würde das bedeuten, dass man wohl noch bei McDoof, Subways oder einer sonstigen Kette vorbeischaut – oder vielleicht ein lieblos geschmiertes Brötchen aus der Bäckerei befreit. Nicht so hier.
Wir halten vor einem Geschäft, dessen Schild „prodotti tipici“ die umbrische Feinkost anpreist, die hinter der Ladentheke zu finden ist: Hausgemachte Salami neben appetitlich aussehenden Schinken und Mortadella, eingelegte Spezereien wie Auberginen, Tomaten und Oliven und eine vor Pecorinos aller Variationen überquellende Käsetheke. Die freundliche Frau dahinter scheint die Jungs schon von den vorhergegangenen Tagen zu kennen: Sie plaudert ein wenig und freut sich, wie diese über ihre Salamibrötchen mit Pecorino schwärmen. Dann bereitet sie liebevoll und in aller Ruhe unsere Vesperbrote: eines mit der eben angepriesenen Kombination und das andere mit einer dicken Scheibe der ebenfalls hausgemachten Porchetta. Der Rest des Ladens besteht aus anderen Spezialitäten: Steinpilz- und Trüffelpasta, Weine und Liköre. Wir sind fünf Schritte vom Laden entfernt, als Alessio aprupt kehrt macht und in den Laden zurückgeht: Das wichtigste für unser Mittagessen fehlt noch – die nach getaner Arbeit wohlverdiente Flasche Montepulciano-Rotwein. Dieser Wein hat dieses Jahr immerhin die Auszeichnung, der beste der Welt zu sein, gewonnen – und außerdem, so unsere Begleiter, gilt das Sprichwort: Wer keinen Wein trinkt, hat auch Wasser nicht verdient!
Noch im Auto loben unsere drei Geologen den Spezialitätenladen: Das Preis-Leistungsverhältnis sei ausgezeichnet und die Salami wirklich ein Traum…

Überhaupt scheinen in Italien die Menschen sehr viel mehr über das Essen zu reden. Wie Karl und ich in Florenz auf Einlass in die Grabkapelle der Medici warteten, diskutierte ein älterer Herr mit dem Aufpasser am Museumseingang über die perfekte Zubereitung seiner Lieblingspasta, begleitet von entsprechenden Gesten und dem wohlbekannten Ausruf „Buonissimo!“
Als ich einmal in die Runde fragte, ob man denn in Italien jeden Tag mit Antipasto, Primo und Secondo essen würde, war die Antwort „Nein, nicht immer. Eigentlich nur bei besonderen Anlässen. Aber – wenn du bei der Mama wohnst, dann schon!“ Was mir vor kurzem Margherita noch einmal bestätigte und meinte, ihre Mama würde niemals nur Pasta machen.

Aber zurück ins voll bepackte Auto, zu den vier Geologen und der einen verirrten Physikerin, das sich langsam aber sicher weiter in die einsame und ärmliche Bergwelt Umbriens begibt. Die Dörfer werden immer kleiner, die Häuser schäbiger. Auch der Frühling hat sich hier noch nicht so weit hervorgetraut wie im Tal. Die waldige Hügellandschaft erinnert an die Schwäbische Alb.

Und schließlich, mitten im Nichts, ruft Marco "Da ist es!", und wir halten am Straßenrand, an deren einer Seite ein Aufschluss mit weißem geschichtetem Kalk liegt, der mit roten Markierungen und Numerierungen verschönert wurde. Unsere drei Freunde müssen den ganzen Aufschluss mit seinen Schichtabfolgen kartieren und Proben von den einzelnen Schichten
nehmen. Dabei handelt es sich um Kalkabfolgen aus dem Jura (etwa gleiche Entstehunungszeit wie die der Schwäbischen Alb). Die Abfolgen entstanden aus den Überresten von Mikroorganismen eines großen Riffs, die nach ihrem Tod in die Tiefe absanken. Leider gibt es hier am mit bloßem Auge nicht viel zu entdecken, da sich die drei Paläontologen vor allem mit Mikrofossilien beschäftigen. Mit Hammer, Block und Bleistift bewaffnet machen sie sich an die Arbeit.

Währenddessen versuche ich gemeinsam mit Karl die kurze Einführung in die Geologie Umbriens aus Marcos Geologieführer (nennt man das so?) zu übersetzen und verstehen, was sich als recht mühsam herausstellt.

Das herbeigesehnte Mittagessen verbringen wir auf einer grünen sonnenüberfluteten Wiese, unterhalten durch wilde Geschichten über italienische Geologieprofessoren (unter anderem einen auf seinem Gebiet durchaus führenden Paläontologen, der jedoch eher selbst seinen Ammoniten ähnelt, die seine liebsten Gesprächspartner sind… ). Die Versperbrote erweisen sich wirklich als überaus wohlschmeckend…

Als auch der letzte Schluck Wein im genießenden Gaumen verschwunden ist, löst sich die lustige Runde auf, um weiterzuarbeiten oder – Karl und ich – die Gegend zu erkunden. Hinter einem Dorf, das aus einer handvoll tristen Häusern besteht und bis auf eine Horde laut kläffender Hunde absolut verlassen erscheint, entdecken wir einen weiteren Ort, der am Berg klebend über dem Tal thront.

Natürlich müssen wir dort hinauflaufen, auch wenn dunkle Wolken drohen, ihren Kampf mit der Sonne aufzunehmen, die sich bereits hinter ein paar Schleierwolken vor ihnen versteckt. Kurz vor dem Zeil entladen sie ihren Inhalt und es beginnt zu regnen. Kurz vor dem Zeil können wir natürlich nicht aufgeben, und schließlich sind wir nicht aus Zucker! Ob die ausgestorben wirkende, heruntergekommene Gasse, die uns schließlich empfängt, diese Mühe wirklich gelohnt hat, bleibt fraglich. Ebenso, ob sich in diesem Ort außer uns lebende Wesen aufhalten.

Doch die Antwort werden wir nie erfahren… Wir machen uns auf den feuchten Abstieg. Kurz unterhalb des Dorfes doch noch andere Wesen: ein knorriges altes Männchen nuschelt uns unverständlich einige freundliche Worte zu, worauf wir mit ebenso freundlichem Nicken antworten. Ein stolzer Hahn macht empört Platz für uns, gefolgt von seinem bewundernden Harem. Auf halber Höhe dann ein bekanntes Auto: Die drei Geologen hatten sich schon auf die Suche nach uns begeben, um zu verhindern, dass wir nass werden. Eine Frau hat ihnen schließlich den Tipp gegeben, dass wir den Berg hinaufgelaufen sind…

Wir fahren mit dem Auto heimwärts, hindurch zwischen steilen Bergflanken und einsamen Dörfchen. Alessio hatte uns auf der Hinfahrt gefragt, ob wir nicht Lust hätten, nach getaner Arbeit abends noch zu einem anderen geologischen Aufschluss zu fahren, wo man auch große Fossilien finden kann. Dieser Vorschlag erweist sich aber als nicht praktikabel (man muss sich anseilen, um dorthin zu gelangen), also bekommen wir ein Alternativprogramm angeboten. Eine Burg, die an unserem Weg liegt fahren wir an, wobei die Grundmauern die man von der Straße aus gesehen hatte so ziemlich das einzige war, das noch steht. Im Burghof ist heute ein Friedhof. Nach einem kurzen Spaziergang wendet Alessio das Auto auf der schmalen Straße unter der Burg wieder und wir fahren weiter.

Aber wie es aussieht haben die drei Geologen noch immer das Befürfnis, uns etwas zu bieten, wo doch die Burg von Nahem betrachtet gar nicht so beeindruckend war. Also entscheiden sie kurzerhand, dass wir nicht eher nach Perugia zurückfahren können, bevor wir nicht den Gipfel des Monte Subasio gesehen hatten, der auch geologisch interessant ist. Nichts leichter als das: Wir fahren von der Autobahn ab, an Assisi vorbei und am Eremitum (das wir noch tags zuvor im Schweiße unseres Angesichts erkrakselten), Serpentine um Serpentine in immer größere Höhen und mit immer schlechterem Straßenbelag. Schließlich haben wir den Gipfel (laut Wikipedia: 1290 Meter) erreicht. Der ist nur von einem gräulichen Gras bewachsen und als wir aussteigen, schlägt uns ein eisiger Wind entgegen und an die ersten ziemlich kalten Tage in Perugia erinnert.

Eingemummelt in unsere Jacken laufen wir los, einen noch schneebedeckten steilen Hang in die Höhe. Plötzlich blicken wir in einen sicher 20 Meter tiefen Krater, der fast wie eine Vulkancaldera aussieht. In Wahrheit besteht der Monte Subasio aber aus dem gleichen Kalkstein, den die Geologen zuvor bearbeiteten und der (in roter und weißer Färbung) auch viele Kirchen der Region aufbaut. An dieser Stelle hat Regenwasser begonnen, den säureanfälligen Kalkstein aufzulösen und den Berg mehr und mehr ausgehölt. Laut Alessio tritt das Phänomen häufiger im Balkan auf und ist in Mittel-Süd-Europa eher selten.
Nach einem Gruppenfoto beenden wir unseren Spaziergang schnell (es ist hundekalt!) und kuscheln uns bald wieder in Alessios kleinen Fiat, um die Heimreise anzutreten, mit dem guten Gefühl, ein sehr erfahrungsreiches Wochenende gehabt zu haben.


Donnerstag, 5. April 2007

Eroberung Assisis und nachfolgender Siegesschmaus

Wenn man seinen Blog so lange vernachlässigt, sammeln sich die Erlebnisse und Eindrücke so sehr, dass man gar nicht weiß, wo anfangen. Um erst einmal einen Überblick zu verschaffen:
Ich habe jetzt seit zwei Wochen Besuch vom Karl, der an einem sehr sonnigen Samstagmittag mit dem Zug hier angekommen ist. Um uns gleich die nötige Privatsphäre zu verschaffen, ist meine Mitbewohnerin kurzerhand bis nach Ostern nach Hause gefahren, und so können Karl und ich Alltägliches wie auch weniger Alltägliches zusammen genießen.

Das etwas nasskalte Wetter in Perugia hielt uns dann vorletztes Wochenende nicht davon ab, einen Dreitages-Tripp nach Florenz zu machen, wovon wir in Kürze noch berichten werden.

Jetzt aber erst einmal zu den Bildern und Eindrücken, die noch ganz frisch vor unseren geistigen Augen umherschwirren und kaum Zeit hatten, sich zu ordnen oder gar zu setzen. Das Wochenende begann schon am Freitag mit einem Wetterbericht: (Endlich!) Sonne und Temperaturen über 10 Grad waren angesagt. Wir ließen uns das nicht zweimal vorhersagen und brachen am Samstag in der Frühe auf in Richtung Assisi, der Stadt des Heiligen Franziskus am Fuße des Monte Subasio, die nur 20 Zugminuten von Perugia entfernt liegt.

Der Fuß des Monte Subasio ist allerdings noch nicht gleichzusetzen mit dem Ort des Bahnhofes Assisi, von dem aus man die beeindruckenden Klosteranlagen und die über allem thronende Burg, die durch den Frühnebel hinter einem weißen Schleier in Pastelfarben leuchten, in einiger Entfernung bewundern kann. Wofür man auch genügend Zeit hat, denn der Bus, der die Reisenden schnell an ihr frommes Ziel bringen kann, wartet nicht. Um keine kostbare halbe Stunde dieses wundervollen Tages durch das Warten auf den nächsten zu vergeuden, schreiten wir – so viel gebührlicher – durch saftig grüne Felder und frühlingshaftes Vogelgezwitscher auf die langsam näherrückende Kulisse aus Mauern, Dächern und Glockentürmen zu.

Vielleicht verschreckt von der warmen Sonne haben sich noch nicht viele Touristen in Assisi eingefunden. Vielleicht sehen wir beim Durchqueren des Stadttores aber auch so wenige Menschen, da wir uns durch kleinere Nebengässchen in Richtung Stadtzentrum schlängeln – und dabei wohlweislich die Basilika der heiligen Franziskus links liegen lassen. Stattdessen treten wir auf den Vorplatz Kirche San Pietro, vor der ein Mönch in brauner Kutte mit weißer Kordel auf einer Bank die warme Frühlingssonne genießt und dabei vollkommen die ruhige Ausstrahlung seiner Kirche verkörpert.

Direkt nach der Kirche laufen wir vorbei an gar schauderhaft geschmückten Häusen mit großen metallenen fackenhaltenden Drachen, die in seltsamem Kontrast stehen zu einem Heiligenportrait in nächster Nähe. Doch spätestens an der Piazza del Commune verfliegt der Zauber und die Gegenwart holt uns wieder ein, denn hier treffen wir auf die vermissten (?) Touristengruppen.

Nach einem kurzen Blick in den Dom San Rufino machen wir uns auf den Weg, dem Gewusel der Stadt zu entfliehen und hinter den Toren den Ort zu finden, der vielleicht noch ein wenig die Botschaft des Heiligen Franziskus erhalten hat: Eremo delle Carceri.

Im Schweiße unseres Angesichts bezwingen wir den steilen Weg, der sich am Monte Subasio in die Höhe schlängelt und den nur wenige Menschen zu Fuß nehmen. Nach einer willkommenden Stärkung vor den Toren des Eremitums betreten wir diesen heiligen Ort: Ein Schild weist alle paar Meter auf diese Tatsache hin - vollkommen unnötig.

In eine dicht bewaldete Einbuchtung des Bergs ist eine winzige Klosteranlage gezwängt worden, von der man zwar einen phänomenalen Blick ins Tal hat, von außen aber kaum zu entdecken ist. Nur ab und zu unterbricht der Flügelschlag der weißen Tauben die Stille.

Aber den ganzen Tag können wir hier nicht verweilen: Es liegt noch eine wichtige Aufgabe vor uns. Ein strammer Marsch führt uns bis an die Mauern der trutzigen Rocca Maggiore, die es einzunehmen gilt! Die Täler, die sich in alle Richtungen erstrecken, mit wachsamen Schießscharten überwachend, thront sie oberhalb von Assisi.

Der Zutritt über die metallende Zugbrücke verschaffen wir uns noch mit einem kleinen Bestechungsgeld: Schon stehen wir im Herzen der dreietagigen Feste, aus der ein etwas höherer Turm herausragt. Doch gerade aus diesem Teil nähern sich die britischen und italienischen Wachen: Mit Kameras bewaffnet und angsteinjagenden Uniformen stürmen sie aufs Letzte entschlossen auf uns zu. Gerade noch rechtzeitig flüchten wir uns in einen schmalen, düsteren, scheinbar endlosen Gang, breit genug für schmale Krieger. Unsere hallenden Schritte führen uns bis an eine steile Wendeltreppe, die wir eilig erklimmen.

Unsere Verfolger scheinen wir abgehängt zu haben und als wir die Spitze des polygonalen Turmes erreichen und vorsichtig über die Zinnen spähen, erblicken wir nur sorglose Burginsassen, die nichts von unserem Eindringen bemerkt haben.

Erst jetzt erkennen wir die geniale Idee des Architekten, gerade an dieser Stelle eine Burg mit hohem Spähturm zu errichten: Uns zu Füßen liegen die Dächer und Glockentürme von Assisi. Dahinter erstreckt sich ein weites Tal, an dessen Rand wir Perugia erahnen. Auf der anderen Seite dagegen blickt man auf Olivenhaine und unberührte Wälder, die sich an einem Einschnitt des Monte Subasio erstrecken.

Die Gunst der Stunde nutzend, beginnen wir das Paket zu öffnen, das wir während unserer Flucht die ganze Zeit eng bei uns getragen hatten und für das wir uns jeder Wache im Kampfe gestellt hätten. Schnell ersetzen wir das Banner der Feinde auf der Turmspitze durch unser eigenes. Nun weht über dem Tal das weiße Phi auf strahlend blauem Grund.

Nach erfüllter Mission machen wir müden Krieger uns auf den Heimweg. Doch noch ist der Tag lange nicht zu Ende!

Der kurze Zwischenstop in der Wohnung reicht gerade einmal zum Kontaktlinsen gegen Brille eintauschen und frische Kleidung überwerfen, dann geht es weiter zu unserer Abendverabredung: Giropizza mit Italienern!

Was, ihr wisst nicht, was das ist?! Dann höret und staunet wie wir frohlockten! Wie groß diese Veranstaltung werden würde, hätte ich nicht gedacht. Ich wusste nur von einigen Freunden, Laura, Margherita, Andrea und Enrico, dass sie kommen würden und „noch ein paar Freunde“. Am Treffpunkt warteten so circa 20 Personen, von denen ich den Großteil noch nicht kannte. Nachdem die letzten eingetrudelt waren, verteilten wir uns auf Autos und machten uns auf den Weg in irgendeine kleine Stadt irgendwo im Nichts in der Nähe (endlich wieder!) einer Burg. Bei meiner Müdigkeit schwankte ich zwischen Neugierde und Reue – Reue vor allem deswegen, weil mein Bett in (zumindest durch eigene Kraft) unerreichbare Ferne gerückt war und ich keine Ahnung hatte, wie lange heute Nacht die Pizza rotieren würde!

Laura hatte für uns eine lange Tafel in einem beheizten Zelt-Restaurant bestellt, das bereits für uns (wie in der Mensa!) mit Plastiktellern gedeckt war. Giropizza ist die italienische Version von „all you can eat“ – eben mit Pizza. Was aber nicht bedeutet, dass man sich eine ganze Pizza nach der anderen bestellen muss. Vielmehr reicht der Kellner eine in Stücke geschnittene Pizza nach der anderen herum, die deutlich schneller verschwunden ist, als der Nachschub geliefert wird. Dabei „rotiert“ der Belag der Pizza mit der Zeit.

Wie fast überall in Italien gehört mindestens eine Vorspeise mit dazu. Auf die Frage „Antipasti oder Pommes“ manifestiert sich eine deutliche Mehrheit für letzteres, unser erstes kulinarisches Aha-Erlebnis an diesem Abend. Einige Funghi, Quattro Formaggi und Vegitariane später dann das zweite: Zum Nachtisch gibt es Pizza Nutella! Was wir uns erstmal gar nicht vorstellen können – uns aber von allen Seiten mit „molto buono“ wärmstens empfohlen wird – mundet dann sogar uns.

Während des Essens gerät Alessio, ein Bekannter von Laura, völlig aus dem Häuschen, als er erfährt, dass Karl Geologie studiert. Er selbst arbeitet als Paläontologe an der Uni in Perugia und lädt uns nach nur zwei Sätzen der Konversation ein, am nächsten Tag zu einem Geländetag in den Jurakalk mitzufahren (mehr davon demnächst).

Als schließlich auch das letzte Stück Nutellapizza vertilgt ist, wird die Gitarre und ein Buch italienischer Volkslieder ausgepackt und losgelegt. Das Singen und der Spaß, den alle dabei hatten, sind unbeschreiblich – und obwohl wir nicht viel (Karl gar nichts) der Texte verstanden haben, so war alles mit so viel körperlichen Gesten begleitet, dass wir doch alles mitbekommen haben. Ein strahlender Enrico, der sich vor die „Hauptsänger“ Laura und Andrea auf einen Stuhl stellt und mit wilder Gestikulation alle zwanzig Studenten samt einem eigentlich unbeteiligten Nebentisch dazu bringt, an den passenden Stellen des Liedes aufzustehen, zu klatschen, zu pfeifen oder sonstige Geräusche von sich zu geben, um danach selbst eine Ballade „molto tragica“ vorzutragen; traurig schöne Gesänge eines Seemannes, der von den Sternen träumt – das alles wird uns wohl noch lange im Gedächtnis bleiben!

Freitag, 16. März 2007

Alltag

So, nicht erschrecken, das hier ist ein ziemlicher Monsterbericht - aber ich habe den Blog die letzten Tage ja auch vernachlässigt ;-)


Jetzt habe ich schon beinahe zwei Wochen Uni und so langsam schleift sich eine Art Alltagsleben ein. Wobei ich hier das Wort Alltag nicht negativ meine. Es ist eher so, dass ich es langsam nicht mehr unvorstellbar finde, die nächsten vier Monate hier zu verbringen.

Inzwischen finden auch alle Vorlesungen wie vorgesehen statt und ich kann langsam einschätzen, welcher Professor „bravo“ ist und welcher doch eher nicht so… Und ich kenne mittlerweile so ziemlich den ganzen Physikjahrgang – was bei 15 Leuten auch nicht so schwer ist und außerdem daran liegt, dass ich mich nicht an die Einteilung des hiesigen Physikstudiums halte…

Dabei gibt es verschiedene Grüppchen von Leuten. Mit einer war ich schon im Kino (leider in einem unsäglich schlechten Film): den Leuten aus meinen Theorie-Vorlesungen. Ansonsten habe ich den größten Kontakt mit einer ganzen Gruppe an Personen um Laura (von der ich schon geschrieben habe) und Margherita (einer anderen Physikerin, Freundin von Laura). Diese Gruppe setzt sich zur Hälfte aus Physikern und zur anderen aus Chemikern zusammen, was zu regelmäßigen Diskussionen nach dem Mittagessen führt, in welchem der beiden Gebäuden der caffè getrunken wird. Da hierbei meistens keine Einigung erzielt werden kann, führt der Kompromiss auf „neutralen Boden“ ins Mathematikgebäude. (Das praktischerweise in der Mitte zwischen Physik und Chemie liegt) Mittagessen geht diese „Gruppe“ doch meist in die Mensa, wobei ich letzte Woche bei stundenlangem Sodbrennen sehr schmerzhaft feststellen musste, dass diese sich wohl doch nicht so sehr von der tübinger unterscheidet und ich dort besser nur noch die Wurst- oder Käseplatten mit Salat essen sollte…

Wer nicht darin interessiert ist, etwas über die Struktur des Physikstudiums in Perugia zu erfahren, kann folgenden Absatz ohne größere persönliche Verluste überspringen. In Italien hat man inzwischen größtenteils das Bachelor-/Mastersystem eingeführt – mit dem Unterschied, dass niemand eine Ahnung hat, was ein „Bachelor“ sein soll. Hier heißt das ganze „Laurea Triennale“ und „Laurea Specialistica“, aber man bekommt auch „Crediti“ und ist eigentlich sein ganzes Studium über beschäftigt, einen Haufen Prüfungen abzulegen. Dabei habe ich das Gefühl, dass die „Laurea Specialistica“ nicht so breit gefächert ist, wie das Diplom bei uns: Jeder muss ein „Indirizzo“ festlegen – den Teilbereich der Physik, mit dem er sich die nächsten zwei Jahre beschäftigen wird. Dabei gibt es drei Möglichkeiten: Theoretische Physik, Elementarteilchenphysik und Struktur der Materie (also Festkörperphysik, Physik der Materie, usw.), und wenn zwei Leute verschiedene Indirizzi machen, kann es sein, dass sie
keine einzige Vorlesung mehr zusammen hören.

Ohne es vorher geplant zu haben, höre ich hier hauptsächlich theoretische Vorlesungen – hauptsächlich aus dem Grund, dass eine Vorlesung, die ich hören wollte, gestrichen wurde (wegen fehlenden Studenten) und eine andere sich mit welchen, die ich auf jeden Fall hören wollte, überschnitten haben. Allerdings bin ich mir im Moment noch nicht ganz sicher, ob ich vielleicht nicht doch noch eine Vorlesung streichen und dafür in dieser Zeit meinen „Grundwortschatz Italienisch“ durcharbeiten sollte…
Zwei meiner Vorlesungen, die Fisica Teorica und Meccanica Statistica sind bei der Professorin, die ich in meinem letzten Blogbericht schon erwähnt habe. Eine theoretische Physikerin, die mit Vorliebe im Minirock ihre Vorlesung hält und mitunter so schnell spricht, dass selbst die italienischen Studenten zu mir gesagt haben, dass sie ihnen zu schnell spricht! Das macht es leider nicht besonders leicht, ihrer Vorlesung zu folgen, da sie darüber hinaus nicht besonders viel an die Tafel schreibt, etwas konfus ist und auch nicht besonders gut erklärt. Da sind dann vier Stunden die Woche etwas viel (zumal die eine Vorlesung am Montag zur unmenschlichen Zeit von fünf bis sieben ist) – und ich spiele mit dem Gedanken, zumindest eine davon fallen zu lassen. Dagegen entwickelt sich die Elettrodinamica Quantistica im Moment zu meiner Lieblingsvorlesung, was vielleicht neben der Tatsache, dass wir gerade die Dirac-Gleichung zur kovarianten Formulierung der Quantenmechanik machen (was zumindest ich ziemlich spannend finde), vielleicht vor allem daran liegt, dass der Professor Inder ist und ein für mich sehr gut verständliches Italienisch spricht.

Letzte Woche war ein „Incontro“ – eine „Begegnung“ zwischen einem Professor der Physik und einem der Philosophie. Also eine Art Studium Generale Vortrag nur mit zwei Professoren, die nacheinander über das Thema menschlicher Verstand gesprochen haben. In der Hinsicht unterscheiden sich Italien und Deutschland überhaupt nicht voneinander: Dem Physiker konnte ich mühelos folgen, während mir beim Vortrag des Philosophen relativ schnell der Faden und die Konzentration verloren gingen…


Diese Woche zeigt sich Perugia wettermäßig gesehen von seiner besten Seite: Sonne und strahlend blauer Himmel, der einen versucht zu verführen, die Mittagspause auf ein Schlümmerchen im Freien auszudehnen… Gestern habe ich jedoch meinen unifreien Mittag genutzt, um noch ein paar Ecken dieser Stadt zu erkunden, die ich noch nicht kannte. Dabei streunte ich eher ziellos in eine Richtung, bis ich schließlich im Viertel „Monteluce“ landete, von wo aus man das Stadtzentrum einmal von der anderen Seite sehen kann. Ansonsten sind dort hauptsächlich Wohnhäuser, aber in den so typischen engen und hohen Gassen, die einfach zum Herumlaufen einladen. Auf dem Weg von dort in die Innenstadt entdeckte ich durch Zufall noch die Jugendherberge, die sich doch mitten in der Stadt befindet (ist nur auf keiner Karte eingezeichnet). Also falls mich noch mehr Leute besuchen kommen wollen, als ich in meinem Zimmer unterbekomme… ;-)

Dienstag, 6. März 2007

Italienische Physiker

Auch wenn ich am Freitag schon eine Vorlesung hatte, ist bei mir eigentlich erst heute so wirklich das Gefühl aufgekommen, an der Uni angekommen zu sein. Dann auch gleich so richtig: Ich hatte heute drei Vorlesungen, die sogar alle stattgefunden haben.

In der ersten (Fisica dei Mezzi Continui) waren wir wieder zu dritt: Außer mir noch zwei andere Mädels, Laura und Francesca. Die beiden haben mir denn auch erzählt, dass das gar nicht so verwunderlich ist, dass wir so wenige sind, denn im Semester sind insgesamt sowieso nur so etwa 15 (!!!) Leute. Das sind die, die von den Anfänglichen 25-30 noch übrig sind, um die „Laurea Specialistica“ (besser bekannt unter dem Namen „Master“) zu machen. Was dabei aber total verblüffend ist, dass mindestens die Hälfte der Studenten Mädels sind!

Die Einführung des Professors bestand darin, einige Beispiele ohne viele Erklärungen mehr oder weniger unzusammenhängend aneinanderzureihen, mit besonderem Schwerpunkt auf einem Experiment, dass er selbst gemacht hat und auf das er ziemlich stolz zu sein scheint. In der Vorlesung soll es um Akkustik gehen, aber Francesca erzählte mir, dass sie den Professor schon aus einer anderen Vorlesung kennt und sein Stil sich wohl nicht groß ändern wird – viele Bespiele und sehr wenige Erklärungen. Da der gute Mann außerdem weder Skript noch Tafelanschrieb hat noch sich nach einem Buch richtet und überdies seine Sprechweise eher nuschelnd ist, habe ich heute schon entschieden, diese Vorlesung aus meinem Programm zu streichen. Das ist nicht weiter schlimm, da ich ohnehin irgendeine der Veranstaltungen, die ich mir bisher ausgesucht hatte, weglassen muss (6 Vorlesungen a 4 Stunden sind dann doch ein bisschen viel…).

Zum Glück hört Francesca auch „Fisica Atomica“, denn ohne sie hätte ich erstens nicht gewusst, dass man sich heute im Büro des Professors traf, um den Zeitpunkt der Vorlesung festzulegen und zweitens selbst wenn ich es gewusst hätte dieses Büro im Chemiebau nicht gefunden. Die Vorlesung ist sowohl für Physik- als auch für Chemiestudenten, weshalb wir doch auf eine stattliche Zahl von etwa 10 Zuhörern gekommen sind. Vielleicht weil ich eigentlich alles, was wir heute gemacht haben, schon mal gehört habe, hatte ich keine Schwierigkeiten, dieser Vorlesung zu folgen. Der Professor hat einen schön klaren Stil, schreibt an die Tafel, erklärt sehr ausführlich und zudem hat Francesca gemeint, dass ich mir bestimmt seine Aufschriebe, anhand derer er die Vorlesung hält, kopieren kann, wenn ich ihn frage.

Nach den vier Stunden hatte ich einen mordsmäßigen Hunger. Irgendwie scheint es nicht so üblich zu sein, in die Mensa zu gehen – wahrscheinlich, weil es viele gute andere Möglichkeiten gibt, die auch nicht weiter weg und billiger sind. Francesca nahm mich mit zu einer Pizzeria (über die man hier etwa alle zehn Meter stolpert) und wir setzten uns mit unserem ergatterten Mittagessen in die Sonne vor dem Physikbau.
Dort übte ich mich in italienischer Konversation und erfuhr dabei so manches über das Physikstudium in Perugia, aber auch, dass Francesca in Maggiore wohnt (das ist in der Nähe des Trasimener Sees) und jeden Tag pendelt, außerdem so gut wie keine Freizeit hat, weil sie nebenher am Wochenende und auch sonst abends kellnert.

In der Uni zeigte sie mir das schwarze Brett, an dem die Professoren Ankündigungen aushängen (wenn sie Lust haben) – dabei entdeckte sie gleich, dass die Vorlesung, auf die sie eigentlich gerade wartete, erst nächste Woche anfängt. Es geht als allen so - nicht nur mir!

Was mir die letzten Zweifel nahm, ob ich mich in Perugia an der Uni wohl fühlen könnte: Lachend und plappernd kamen einige Studenten auf den Platz vor dem Physikgebäude, setzten sich auf den Boden – und fingen an, Karten zu spielen! Eines der Mädels war Laura, die ich aus meiner ersten Vorlesung vom Morgen schon kannte. Francesca verabschiedete sich um heimzufahren und ich setzte mich zu den Kartenspielern, um vielleicht ein paar Regeln aufzuschnappen. Viel habe ich nicht kapiert – außer, dass man zu viert spielt, je zwei in einem Team und es am Ende jeder Runde elf Punkte zu verteilen gibt. Lauras Team gewann prompt die nächsten beiden Runden und damit das Spiel und Andrea (das ist ein Männername in Italien!) wollte mich gleich mal nach Hause schicken…

Auch wenn ich natürlich nicht so gut in Gesprächen mitkomme, wurde ich gleich eingebunden, als sei es ganz natürlich, dass ich dazugehöre. Nach dem Spiel präsentierte Laura ein paar Deutschkenntnisse, die sie von ein paar Kindern aufgeschnappt hat, Andrea rief „Fischers Fritze fischt frische Fische“ und die Atmosphäre war total gelöst. Die anderen gingen dann weiter zum Lernen, ich musste zu meiner Vermieterin, um Waschmarken zu kaufen – aber die gute Laune blieb mir. Und ich habe das Gefühl: Jetzt bin ich wirklich angekommen!

Von 17 bis 19 Uhr (unmenschliche Uhrzeit!) hatte ich noch eine Vorlesung, Fisica Teorica, in der es wohl hauptsächlich um Quantenmechanik gehen wird. Mein erster Physikkurs, der von einer DozentIN gehalten wird! So viel Kontakt sammelte ich hier nicht mehr, nach dem Tag war ich total erschlagen und ich ging nur noch einkaufen und dann nach Hause.

Es ist im Moment schon viel anstrengender, als wenn ich nur die Vorlesungen auf Deutsch hören würde. Ungefähr so, als hätte ich den ganzen Tag Italienisch-Unterricht non-stop! Mir schwirrt der Kopf mit irgendwelchen wirren italienischen Satzfetzen und Worten, bis ich es schaffe, meinem Hirn klarzumachen, dass ich mir meine eigenen Gedanken noch nicht auf italienisch übersetzen muss…

Freitag, 2. März 2007

Mehr Bilder...


Blick übers Land auf Assisi


Hier gibt es Türöffner in allen nur denkbaren Formen!


Gerade ist glaube ich die Hauptbalzzeit der Tauben und immer wieder sitzen an einem Ort zwischen 20 und 50 Stück...

Das ist das Physikgebäude der Uni.

Der wirklich erste Unitag!

Damit Hannah nicht ungeduldig wird, hier des Rätsels Lösung:
Heute morgen um neun Uhr versuchte ich mein Glück erneut. Und sieheda: Als ich eigentlich schon wieder gehen wollte, weil um zehn nach neun immer noch niemand da war, kamen doch tatsächlich noch zwei andere Studenten zu dem Hörsaal. Die Vorlesungen fangen hier also auch c.t. an...

Bei uns dreien sollte es dann auch bleiben und der Professor begrüßte mich gleich einmal persönlich. Er stellte sich als der Ersamus-Zuständige für die Physik in Perugia heraus (ich bin ja über einen Kontakt in der Mathematik gekommen) und zeigte sich gleich interessiert, einen Kontakt zwischen der Physik in Perugia und Tübingen herzustellen - hat mich gefragt, ob ich ihm da eine Adresse vermitteln könnte.
Dann bot er mir noch an, seine Vorlesung auf Englisch zu halten, damit ich sie auch gut verstehe (natürlich, wenn die anderen beiden einverstanden sind) und war ganz begeistert, als ich ablehnte und meinte, ich wolle ja schließlich Italienisch lernen. (Trotzdem schien es ihm Spaß zu machen, mir seine Englischkenntnisse zu zeigen, denn obwohl ich konsequent auf Italienisch antwortete, redete er Englisch mit mir...)

Dann begann die Vorlesung (vorher hatte der Professor mich noch bestärkt, ihn auf jeden Fall zu fragen, wenn ich irgend etwas nicht verstehen sollte. Die erste Stunde war erst einmal nur eine Einführung in den Inhalt der Vorlesung (Sternentstehung und Sternentwicklung, danach noch was über Sternatmosphären und Planetenentstehung, wenn wir Lust haben, aber wir können auch sagen, wenn wir was anderes machen wollen). Die Vorlesung war dann auch eine halbe Stunde früher fertig.

Mit der nächsten Vorlesung hatte ich weniger Glück. Auch zehn Minuten, nachdem sie hätte anfangen müssen, war noch niemand aufgetaucht. Jetzt hoffe ich eben, dass ab Montag der normale Stundenplan gilt!

Mein Umzug hat dafür gestern einwandfrei geklappt und meine Mitbewohnerin ist total lieb! Wir haben uns abends noch bis Mitternacht unterhalten (obwohl sie eigentlich auf eine Klausur lernen mußte...). Es ist schon gut, jetzt nicht mehr alleine zu sein!

Donnerstag, 1. März 2007

Erster Unitag?

Es faengt damit an, dass es die Vorlesung, in die ich eigentlich gehen will, auf einmal doch nicht gibt. Das stelle ich fest, als ich heute um halb elf die Uni betrete und zur Sicherheit noch einmal den Stundenplan abchecke, der im Eingangsbereich haengt.
Da ich um zehn Uhr mein Gepaeck von der Herberge in meine zukuenftige Wohnung verfrachtet habe, dort aber nicht im Weg rumstehen wollte (Mariachiara war gerade dabei, die Wohnung und mein Zimmer zu putzen), bin ich eine halbe Stunde zu frueh fuer die Vorlesung in der Uni und ein wenig unschluessig, was ich jetzt tun soll. Anstatt "Rivelatori ai Semiconduttori" (Halbleiterphysik), das es ja nun nicht mehr gibt, koennte ich in "Elettrodinamica Quantistica" (Quantenelektrodynamik) gehen - ich weiss zwar nicht, ob meine QM I - Kentnisse fuer diese Vorlesung ausreichen, aber ich kann zur Not ja immer noch aufhoeren. Eigentlich gar nicht so schlecht, dann kann ich immerhin das nutzen, was ich letztes Semester gelernt habe und vergesse nicht alles.

Ich begebe mich also in Richtung Hoersaal, vor der jedoch kein Mensch zu sehen ist. Klar, bin ja zu frueh dran. Im Gang ist ein abgetrennter Bereich mit Tischen und sogar zwei Rechnern, wo auch einige Studenten fleissig ueber Buecher gebeugt sitzen. Ich setze mich dazu und beschaeftige mich. Bis elf Uhr ist laut Stundenplan eine andere Vorlesung in der "Aula D", also muesste ich es mitbekommen, wenn die Studenten nach dem Ende hier vorbeigehen...
Die Zeit vergeht, jetzt ist es fuenf vor elf. Zeit, mein Zeug wieder einzupacken und in Richtung Vorlesungssaal zu gehen. Hier ist immer noch niemand - und es macht auch keiner Anstalten, aus dem Raum herauszukommen. Vorsichtig versuche ich, die Tuere zu oeffnen - sie ist abgeschlossen. Ok, also war hier noch keine Vorlesung. Hmmm. Vielleicht fangen die ja doch nicht heute an? Ich gehe zurueck zu dem Raum mit den fleissigen Studenten und frage mal, so als hilfloser Erasmus-Student. Aber die koennen mir nicht helfen - welche Vorlesung denn? Laurea Specialistica? In welchem Fach denn? (ich dachte, ist doch klar, ich bin doch im Physikbau!!) Das wissen wir doch nicht. Aber du kannst ja mal am Eingang bei der Information anfragen, welche Vorlesungen wann anfangen...

Sie scheinen auch nicht weiter interessiert daran zu sein, eine Kommunikation oder sonstigen Kontakt zu mir anzufangen. Also trotte ich halbwegs enttaeuscht zum Eingangsbereich. Die Frau dort kann mir nur sagen, dass sie den Professor dieser Vorlesung heute noch nicht gesehen hat. Eigentlich muessten die Vorlesungen aber schon heute anfangen. Ich koenne hoechstens noch den Professor selber in seinem Buero aufsuchen (der aber ja wahrscheinlich gar nicht da ist).

Darauf verzichte ich und vergewissere mich nur noch einmal, dass wirklich niemand vor oder in dem Hoersaal ist.

Was nun? In der Uni bleiben hat wenig Sinn, eine andere Vorlesung gibt es nicht, die ich hoeren will - also trotte ich wieder nach draussen, um hier im Internetcafé meinen Frust abzuschreiben. Es ist nur seltsam, dass anscheinend alle Studenten, die diese Vorlesung hoeren, auf irgendeine geheimnisvolle Art und weise gewusst haben, dass sie nicht stattfindet. Ich habe nirgendwo einen Zettel oder eine Nachricht entdecken koennen - auch nicht im Internet. Komisch, komisch...

Jetzt werde ich mir also noch die Zeit vertreiben, bis ich nachher in mein Zimmer einziehen kann und hoffentlich meine Mitbewohnerin etwas besser kennenlerne! Mit ein bisschen Glueck findet ja vielleicht eine der beiden Vorlesungen morgen statt, die ich mir anhoeren will...